Lernen von Ottmar Hitzfeld

Am Donnerstag voriger Woche war Erfolgstrainer Ottmar Hitzfeld zu Gast bei der 1.faktor-Premium-Lounge in der Göttinger Lokhalle. Über 150 Gäste verfolgten das Gespräch, das von Handelsblatt-Redakteur Mark C. Schneider und Sartorius-Chef Joachim Kreuzburg moderiert wurde. Hitzfeld nahm die Gäste und mich mit seiner Art ein. Er war völlig frei von Starallüren und erzählte viele spannende Dinge aus seinem Trainerleben.

Beeindruckt hat mich besonders seine Menschlichkeit. „Achtung und Respekt vor Menschen ist für mich sehr wichtig.“ Hitzfeld erzählte, dass es für ihn sehr schwer ist, Spieler zu kritisieren. Er will dabei nicht beleidigen und auch keinen Schuldigen suchen. „Man darf kein Vertrauen zerstören. Alles, was man sagt, muss man selbst vorleben.“ Er schützt seine Spieler in der Öffentlichkeit und kritisiert intern. Und er ist von seinem Vorgehen überzeugt: „Wenn man viel Vertrauen schenkt, wird man belohnt.“ Für mich ist Ottmar Hitzfeld ein Vorbild, wie wir mit unseren Mitmenschen, Mitarbeitern und Kunden umgehen sollten. Für mich ist er das Gegenmodell zu Trainern wie Felix Magath, die mit Angst führen und ihre Spieler öffentlich bloß stellen. Das hat mit Respekt zu tun. Und bei Ottmar Hitzfeld heißt es umgekehrt deshalb nicht, nachlässig und inkonsequent zu sein. Er nimmt seine Spieler in die Verantwortung. Als Oliver Kahn eine Weihnachtsfeier des FC Bayern München vorzeitig verließ, verhängte Hitzfeld eine drakonische Strafe. 25.000 Euro musste der Torwart-Titan zahlen, weil sein Trainer ihm diesen Affront nicht durchgehen lassen wollte. Abschreckung für den Rest der Mannschaft. Das gehört auch zum Thema Respekt.

Durch seine Menschlichkeit ist Ottmar Hitzfeld für mich ein Vorbild. Ich finde es häufig schwierig, Erkenntnisse aus dem Sport auf die Wirtschaft zu übertragen, aber hier gelingt es perfekt. Und Hitzfeld eignet sich mit diesem Menschenbild ideal als Vorbild für Unternehmer – und besonders für den Nachwuchs.

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Mit Liebe zum Geschäft

Gestern bin ich mal wieder am Feinkostladen Viani Alimentari in der Göttinger Innenstadt vorbei gegangen und erinnerte mich an einen Artikel, den ich im Vorjahr über den Seniorchef, Antonio Viani, geschrieben habe. Der mittlerweile 75-Jährige ist sein Leben lang Unternehmer mit Herzblut gewesen – mit einer faszinierenden Geschichte. Hier erzähle ich das Wichtigste aus diesem Beitrag („Richtiger Riecher“). Die Voraussetzungen für Antonio Viani waren eher schlecht, um Unternehmer zu werden. Sein Vater muss den Lebensmittelhandel, der im 18 Jahrhundert von den Vorfahren begründet wurde,  nach dem Zweiten Weltkrieg aufgeben. Aus Scham verlässt er die Familie – und um sich den Gläubigern zu entziehen. Er wird erst Jahre später zurückkommen. Seine Frau bringt sich und die vier Kinder mit einer Strickmaschine durch, im Sommer zieht die Familie in den Schuppen, um deutschen Touristen in ihrer Wohnung eine Herberge zu bieten. Antonio trägt zum Einkommen als Koch, Kellner, Bademeister und Kinderbetreuer der Gäste bei.

„Und als dann eine Familie aus Göttingen kam – zwei Töchter, wunderschön –, da hat’s bei mir geknallt!“ Bevor er aber seiner großen Liebe Ingrid nach Deutschland folgt, bereist er, der schon als Kind die Schiffe am Horizont beobachtet hat, als Seemann die Weltmeere und wird Offizier bei der Handelsmarine. In fast jedem Hafen erhält der Verliebte einen Stapel Briefe aus Göttingen, bis er an Land Wurzeln schlägt. Das Erste, was er in Göttingen vor über 50 Jahren verkauft, sind Olivetti-Büromaschinen, deren Vertretung er gerade übernommen hat, nachdem sein Verkaufstalent schon kurz zuvor bei seiner Ausbildung als Büromaschinenverkäufer in Hannover aufgefallen ist. Das Geschäft wächst schnell.

Als Antonio Viani einen Computer einrichtet bei einer Fleischerei, wird er zu Hilfe gerufen. Ein Italiener steht im Laden, und Antonio soll übersetzen. „Der Mann hatte sich aus der weltweit führenden Handelsgesellschaft für Sommertrüffel ausgegründet und wollte dem Kunden eine Tonne Trüffel verkaufen. Ich machte ihm klar, dass wir das Geschäft gemeinsam machen würden!“ 1973 gründet er die „A. Viani Importe“ und darf exklusiv Trüffel in Deutschland vertreiben. Nach und nach erweitert er das Sortiment, um vorwiegend italienische Spezialitäten wie Würste und Schinken, Öle und Essige, Käse und Wein. So reist Antonio Viani immer wieder in die alte Heimat und lernt Produkte und Produzenten kennen.

„Wir haben uns zunächst auf die gehobene Gastronomie konzentriert“, erläutert er das Geschäftsmodell. „Dann kamen immer mehr kleine, feine Spezialgeschäfte für Feinkost dazu.“ Besonderes Qualitätsmerkmal der Viani-Lebensmittel ist bis heute, dass sie handwerklich hergestellt werden, also nicht aus industrieller Massenproduktion stammen.

Mitte 1987 bekommt Antonio Viani das Angebot, seine Büromaschinen-Firma zu verkaufen. Seine Frau, die auch im Unternehmen an seiner Seite steht, fragt ihn: „Bist du verrückt? Der Betrieb läuft doch so gut!“ Darauf antwortet er: „Willst du verkaufen, wenn es schlecht läuft?“ Also macht er das Geschäft und konzentriert sich fortan nur noch auf den Handel mit den Spezialitäten aus der Heimat.

Seinen in Deutschland geborenen Söhnen Stefano und Remo steckt wohl auch das Unternehmertum „im Blut“, beide zeigen zunächst aber kein Interesse am Lebensmittelhandel. Die Brüder gründen zusammen eine bis heute erfolgreiche Werbeagentur in Göttingen. Aber Antonio Viani wartet auf seine Chance. 1995 schließlich übernimmt Sohn Remo das operative Geschäft, erweitert das Angebot um Spezialitäten aus anderen Mittelmeerländern und verdoppelt so – zum Stolz des Vaters – recht schnell den Umsatz. Der erfahrene Unternehmer lässt seinem Sohn fortan freie Hand und widmet sich weiterhin dem Trüffel-Handel und ordnet die Finanzen. Und geht neue Wege: So schenkt er seinen Mitarbeitern „Aktien“. Zehn Prozent des Firmenwertes befindet sich in der Hand der Belegschaft und motiviert die über 50 Beschäftigten zusätzlich.

Auch heute schaut Antonio Viani – zum Missfallen seiner Frau – noch gelegentlich in „seiner“ Firma nach den Geschäften. Und die Geschäfte laufen: Mittlerweile gibt es bei Viani Importe über 2.000 Artikel von mehr als 200 handverlesenen Lieferanten, die an rund 2.500 Kunden geliefert werden.

Mich fasziniert die Geschichte dieses Mannes, der zudem auch noch als Unternehmer Vorbild für seine Söhne wurde. Danke, Antonio Viani!

Zum Unternehmen Viani Importe

Zum Feinkostgeschäft

Gute Unternehmen bekommen gute Mitarbeiter

Vor einer Woche hatten wir den Unternehmer Gunther Olesch zu Gast auf unserer Netzwerkveranstaltung in Göttingen. Es ging um das Thema „Employer Branding“, also darum, eine Arbeitgebermarke strategisch aufzubauen. Der Gesellschafter der Firma Phoenix Contact machte Mut, indem er Vorbilder wie Bill Gates und Steve Jobs hervorhob. Einem Unternehmen müsse es gelingen, ein Ziel zu definieren, was über einzelne Mitarbeiter und die Kunden hinausgehe. Einen höheren Nutzen verfolgen. Mein Unternehmercoach Stefan Merath nennt das die „Weltziele“, der amerikanische Führungsexperte Brendon Burchard bezeichnet das als „Movement“. Bei Gates, so Olesch, sei die Vision gewesen, in jedem Wohnzimmer stehe ein PC. Meine Vision ist es, sinnstiftenden und menschlichen Unternehmern eine Plattform zu bieten und so unsere Gesellschaft besser zu machen. Und das macht am meisten Spaß im Kreis Gleichgesinnter, die sich gegenseitig befruchten und voneinander lernen. Wohin uns Gewinnmaximierung und Profitstreben geführt haben, erleben wir derzeit sehr nachhaltig mit der so genannten Finanzkrise. Wir müssen umdenken. Unternehmer sind nicht nur ihren Mitarbeitern und Kunden verpflichtet, sondern auch der Gemeinschaft, in der sie leben. Und da ich zahlreiche Unternehmer kennen gelernt habe, die sehr verantwortungsbewusst umgehen, sehe ich hier eine enorme Kraft für unsere Gesellschaft.

Das ist mein innerer Antrieb. Und der hat laut Olesch automatisch positive Effekte: „Der Wettbewerb wird zukünftig nicht mehr durch die Produkte gewonnen, sondern durch die vorhandenen Mitarbeiter.“ Nur noch „gute“ Unternehmen bekommen in Zukunft gute Mitarbeiter. Der Umkehrschluss ist sehr tröstlich. Unternehmen, die „schlecht“ zu ihren Mitarbeitern und Kunden sind, bekommen „schlechte“ Mitarbeiter und verschwinden vom Markt. Trotz guter Produkte.

Und dabei geht es um Ehrlichkeit und Authentizität. Gewinnen werden nicht die Unternehmen, die vorgeben, menschenfreundlich zu sein, sondern die, die den Mensch wirklich in den Mittelpunkt stellen. Social Media sei Dank. So können wir schon heute auf Bewertungsportalen wie Kununu und Bizzwatch sehen, wie Arbeitnehmer ihren Arbeitgeber bewerten. Hochglanzbroschüren mit leeren Versprechungen haben in dieser neuen Welt keine Chance mehr! Eine schöne neue Welt…