Immer volle Pulle

Er hatte gestern Geburtstag – Olaf Feuerstein, Chef der Hotel-Freizeit-In-Firmengruppe, ist in meinen Augen ein „Verrückter“ im positiven Sinne. Zu ihm kam man auch mit ausgefallenen Ideen kommen. Das Wort „unmöglich“ scheint in seinem Wortschatz nicht zu existieren. Außerdem gefällt mir, dass der ehemals schlechte Schüler heute ein Selfmade-Unternehmer ist, dem nichts in den Schoß gelegt wurde. Einer der sprichwörtlich den Weg vom Tellerwäscher zum (Umsatz-)Millionär zurückgelegt hat. Für einen Beitrag im faktor („Bis zum letzten Tag volle Pulle!“) im Dezember 2008 hatte ich die Ehre, Teile dieser spannenden Biografie kennenzulernen, die ich hier auszugsweise wiedergebe.

Dass Olaf Feuerstein in Göttingen gelandet ist, ist seiner Kaltschnäuzigkeit zu verdanken. Der junge Hotelbetriebswirt liest im Sommer 1993 eine Stellenausschreibung des Freizeit In und ruft dort an, um zu fragen, wie er seine Bewerbungsunterlagen einreichen soll. Er telefoniert mit Gerhard Löb, dem damaligen Chef des Hotels Freizeit In, und sagt ihm, dass er in zwei Tagen sowieso in Göttingen sei. Für ein Gespräch stünde er nur an diesem Tag zur Verfügung, Löb akzeptiert. Zwei Tage später reicht Feuerstein die Bewerbung ein und hat noch am gleichen Tag ein Vorstellungsgespräch mit dem Chef. Kurios dabei: „Ich hatte mich als Letzter beworben und durfte mich als Erster vorstellen.“ Die Chemie zwischen den beiden stimmt, es folgen weitere Gespräche. Löb ruft nun eines Morgens bei Feuerstein an und sagt: „Sie können den Job haben!“ Der Wunschkandidat reagiert anders als erwartet. Statt in Begeisterung auszubrechen, antwortet er: „Rufen Sie mich heute Abend an, wenn es wichtig ist.“ Was war passiert?

Olaf Feuerstein hatte die ganze Nacht durchgearbeitet und war erst kurz vor dem Anruf ins Bett gegangen. Als ihn Löb anrief, befand er sich noch im Halbschlaf. Der Göttinger Hotelier lässt sich davon nicht abschrecken, die beiden werden sich einig. Glatt läuft es trotzdem nicht. Wieder ruft Löb an und fragt, wann er denn den Vertrag unterschrieben zurücksende. Er befürchtet, Feuerstein könnte es sich anders überlegt haben. Der will den Job, hat es aber nur vergessen.

Er hat alle Hände voll zu tun, will noch den alten Job zu Ende bringen. „Ich gebe bis zum letzten Tag volle Pulle“, erzählt er heute. Am 1.Oktober 1993 beginnt Olaf Feuerstein als Wirtschaftsdirektor im Hotel Freizeit In, 1995 wird er Hoteldirektor und zwei Jahre später geschäftsführender Gesellschafter – eine Bilderbuchkarriere. 2007 übernimmt er von Gerhard Löb die Mehrheit der Geschäftsanteile und ist nun Mehrheitsgesellschafter.

Dieser Karriereweg wurde ihm nicht in die Wiege gelegt – im Gegenteil: „Ich war ein fauler Hauptschüler“, erzählt er. Von Scham keine Spur. Offen und ehrlich geht er damit um, so wie man es von ihm gewohnt ist. „Ich habe es mir abgewöhnt, um den heißen Brei zu reden.“ Vom späteren Unternehmer Feuerstein, der das Freizeit In zu einem der Top-Tagungshotels in Deutschland macht, ist als Schüler in Cuxhaven noch nichts zu ahnen. Obwohl: „Ich hatte das ökonomische Prinzip verstanden, ohne es zu kennen“, sagt er augenzwinkernd. Er hätte es geschafft, mit möglichst wenig Aufwand, das Maximale herauszuholen. Die Basis ist also vorhanden, der Weg zum Erfolg allerdings holprig. Im Alter von neun Jahren kümmert er sich nach der Scheidung der Eltern viel um seine zwei Geschwister: „Da blieb einiges auf der Strecke“, erzählt er heute von dieser entbehrungsreichen Zeit.

Als Kind will Olaf Feuerstein Polizeikommissar werden; sein Klassenlehrer in der achten Klasse lacht ihn dafür aus. Der ahnt wohl, dass das Leben für ihn einen anderen Weg vorgesehen hat. Die Richtung ändert sich. Der schlechte Schüler belegt freiwillig ein Wahlpflichtfach und entdeckt seine „Liebe“: das Kochen. Nun sorgt er dafür, dass zu Hause etwas zum Essen auf dem Tisch steht. Und noch heute pflegt Feuerstein sein Hobby und zaubert für Familie und Freunde. „Man sagt mir nach, dass ich gut kochen kann“, erzählt er selbstbewusst, ohne zu kokettieren. Da er für die Ausbildung zum Koch mit seinen 15 Jahren noch zu jung ist, absolviert er erst mal ein Praktikum in der Spülküche. Zwei Sommer lang arbeitet Feuerstein schließlich als Tellerwäscher für fünf DM die Stunde – viel Geld damals. „Ich war der ,king in town‘“, erinnert er sich zurück. Auf der Hauswirtschaftsschule macht er seinen Realschulabschluss, und zwei Jahre später beginnt er – endlich – eine Ausbildung zum Koch. Er verkürzt die Ausbildungszeit auf zwei Jahre.

Schon in dieser Phase entdeckt Feuerstein einen „kleinen Tropfen Unternehmerblut“ in sich. Zunächst arbeitet er als Beifahrer eines Brötchenservices. Als der Inhaber in Rente geht, fragt Feuerstein ihn, ob er den Laden haben kann. Da er mit seinen 17 Jahren noch die Erlaubnis der Mutter für die Gewerbeanmeldung braucht, bequatscht er sie zwei Wochen lang, um ihr schließlich eine Unterschrift „abzuluchsen“. „Ich bin hartnäckig wie ein Terrier“, sagt er heute von sich selbst. Man könne alles zum Ziel führen, ist er überzeugt. Eine Eigenschaft, die ihn ganz nach vorn gebracht hat. Zum Start seiner Unternehmertätigkeit hat er sieben Mitarbeiter, darunter er selbst und seine zwei Geschwister. In den Höchstzeiten habe er 4.500 Brötchen verkauft – am Tag. Dafür arbeitet er hart, insgesamt 14 Stunden am Stück. Nach einer Weile verkauft er das Unternehmen für „’n Appel und ’n Ei“. Nach einem Fehlversuch studiert er an einer Hotelfachschule bei Hannover. „Das war eine sensationelle Zeit“, sagt er lachend. Diese bezeichnet er als Wendepunkt in seinem Leben. „Ich wurde ein Streber“, erzählt er, „dafür war ich vorher nicht bekannt.“ Er legt ein paar Schippen drauf.

„Ich war plötzlich heiß aufs Lernen.“ Als er dann noch Französisch und Spanisch belegt, halten ihn die Kommilitonen für verrückt. Das stört ihn nicht. Das sollte auch nicht das letzte Mal sein, dass er das über sich hört. Ein Unternehmensberater sagt ihm Jahre später mal: „Sie sind doch nicht ganz normal.“ Feuerstein gibt ihm Recht: „Ich bin ein Verrückter!“

„Ich bin ein unruhiger Geist“, sagt Olaf Feuerstein von sich selbst. Manchmal springt er zu Hause vom Sofa auf, erzählt er, und seine Frau denkt dann, dass er Schokolade holt. Stattdessen hatte er wieder nur eine Idee und wollte sie aufschreiben. Wenn Feuerstein das unbändige Gefühl hat, etwas Gutes zu verpassen, dann macht er es. Er ist begeisterungsfähig. Wer je mit ihm zusammengearbeitet hat, kann das bestätigen. Packt ihn eine Idee, geht er schnell an die Umsetzung wie beim WM-Quartier, als er es mit anderen „Verrückten“ schafft, die mexikanische Nationalmannschaft nach Göttingen zu holen. „Wir erfinden uns permanent neu“, nennt er das Credo seines Hauses. „Ich habe nie Langeweile“, sagt er schließlich – und man glaubt es ihm.

Auf der Liste der Dinge, die er noch erledigen will in seinem Leben, stehen zwei Punkte: Er träumt davon, ein Management-Buch zu schreiben. Und er, der sich selbst als „kleines Laufwunder“ bezeichnet, will am New-York-Marathon teilnehmen. Wer ihn kennt, weiß, dass er auf diese Ziele wie ein „Terrier“ hinarbeiten wird, der sich auch von Rückschlägen wie der Pleite mit dem Gourmet-Restaurant „planea“ nicht abbringen lässt. Man wird noch viel von dem einst faulen Hauptschüler hören – mit voller Pulle bis zum Ende.

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