Mit Liebe zum Geschäft

Gestern bin ich mal wieder am Feinkostladen Viani Alimentari in der Göttinger Innenstadt vorbei gegangen und erinnerte mich an einen Artikel, den ich im Vorjahr über den Seniorchef, Antonio Viani, geschrieben habe. Der mittlerweile 75-Jährige ist sein Leben lang Unternehmer mit Herzblut gewesen – mit einer faszinierenden Geschichte. Hier erzähle ich das Wichtigste aus diesem Beitrag („Richtiger Riecher“). Die Voraussetzungen für Antonio Viani waren eher schlecht, um Unternehmer zu werden. Sein Vater muss den Lebensmittelhandel, der im 18 Jahrhundert von den Vorfahren begründet wurde,  nach dem Zweiten Weltkrieg aufgeben. Aus Scham verlässt er die Familie – und um sich den Gläubigern zu entziehen. Er wird erst Jahre später zurückkommen. Seine Frau bringt sich und die vier Kinder mit einer Strickmaschine durch, im Sommer zieht die Familie in den Schuppen, um deutschen Touristen in ihrer Wohnung eine Herberge zu bieten. Antonio trägt zum Einkommen als Koch, Kellner, Bademeister und Kinderbetreuer der Gäste bei.

„Und als dann eine Familie aus Göttingen kam – zwei Töchter, wunderschön –, da hat’s bei mir geknallt!“ Bevor er aber seiner großen Liebe Ingrid nach Deutschland folgt, bereist er, der schon als Kind die Schiffe am Horizont beobachtet hat, als Seemann die Weltmeere und wird Offizier bei der Handelsmarine. In fast jedem Hafen erhält der Verliebte einen Stapel Briefe aus Göttingen, bis er an Land Wurzeln schlägt. Das Erste, was er in Göttingen vor über 50 Jahren verkauft, sind Olivetti-Büromaschinen, deren Vertretung er gerade übernommen hat, nachdem sein Verkaufstalent schon kurz zuvor bei seiner Ausbildung als Büromaschinenverkäufer in Hannover aufgefallen ist. Das Geschäft wächst schnell.

Als Antonio Viani einen Computer einrichtet bei einer Fleischerei, wird er zu Hilfe gerufen. Ein Italiener steht im Laden, und Antonio soll übersetzen. „Der Mann hatte sich aus der weltweit führenden Handelsgesellschaft für Sommertrüffel ausgegründet und wollte dem Kunden eine Tonne Trüffel verkaufen. Ich machte ihm klar, dass wir das Geschäft gemeinsam machen würden!“ 1973 gründet er die „A. Viani Importe“ und darf exklusiv Trüffel in Deutschland vertreiben. Nach und nach erweitert er das Sortiment, um vorwiegend italienische Spezialitäten wie Würste und Schinken, Öle und Essige, Käse und Wein. So reist Antonio Viani immer wieder in die alte Heimat und lernt Produkte und Produzenten kennen.

„Wir haben uns zunächst auf die gehobene Gastronomie konzentriert“, erläutert er das Geschäftsmodell. „Dann kamen immer mehr kleine, feine Spezialgeschäfte für Feinkost dazu.“ Besonderes Qualitätsmerkmal der Viani-Lebensmittel ist bis heute, dass sie handwerklich hergestellt werden, also nicht aus industrieller Massenproduktion stammen.

Mitte 1987 bekommt Antonio Viani das Angebot, seine Büromaschinen-Firma zu verkaufen. Seine Frau, die auch im Unternehmen an seiner Seite steht, fragt ihn: „Bist du verrückt? Der Betrieb läuft doch so gut!“ Darauf antwortet er: „Willst du verkaufen, wenn es schlecht läuft?“ Also macht er das Geschäft und konzentriert sich fortan nur noch auf den Handel mit den Spezialitäten aus der Heimat.

Seinen in Deutschland geborenen Söhnen Stefano und Remo steckt wohl auch das Unternehmertum „im Blut“, beide zeigen zunächst aber kein Interesse am Lebensmittelhandel. Die Brüder gründen zusammen eine bis heute erfolgreiche Werbeagentur in Göttingen. Aber Antonio Viani wartet auf seine Chance. 1995 schließlich übernimmt Sohn Remo das operative Geschäft, erweitert das Angebot um Spezialitäten aus anderen Mittelmeerländern und verdoppelt so – zum Stolz des Vaters – recht schnell den Umsatz. Der erfahrene Unternehmer lässt seinem Sohn fortan freie Hand und widmet sich weiterhin dem Trüffel-Handel und ordnet die Finanzen. Und geht neue Wege: So schenkt er seinen Mitarbeitern „Aktien“. Zehn Prozent des Firmenwertes befindet sich in der Hand der Belegschaft und motiviert die über 50 Beschäftigten zusätzlich.

Auch heute schaut Antonio Viani – zum Missfallen seiner Frau – noch gelegentlich in „seiner“ Firma nach den Geschäften. Und die Geschäfte laufen: Mittlerweile gibt es bei Viani Importe über 2.000 Artikel von mehr als 200 handverlesenen Lieferanten, die an rund 2.500 Kunden geliefert werden.

Mich fasziniert die Geschichte dieses Mannes, der zudem auch noch als Unternehmer Vorbild für seine Söhne wurde. Danke, Antonio Viani!

Zum Unternehmen Viani Importe

Zum Feinkostgeschäft

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