Kulturwandel in Unternehmen

In dieser Woche bin ich auf facebook zufällig auf eine gerade gestartete Initiative von Professor Gerald Hüther gestoßen, dem renommierten Göttinger Hirnforscher, die Unternehmer, Führungskräfte und Mitarbeiter inspiriert, einen Kulturwandel zu beginnen oder einen begonnenen Wandel noch bewusster zu gestalten. Gerald Hüther ist mit seinen Ansichten und unterschiedlichen Projekten ein Vorbild, alte Zöpfe abzuschneiden und menschlicher miteinander umzugehen. Die heutige Arbeitswelt macht viele Menschen krank – Hüther und sein Partner Sebastian Purps sind sich einig: „Wir müssen Grundlegendes verändern.“  Dazu zitieren sie Albert Schweitzer: „Das Heil der Welt liegt nicht in neuen Maßnahmen, sondern in einer anderen Gesinnung.“ Um einen Gesinnungswandel zu ermöglichen, bedürfe es eines Wandels der bisher in Unternehmen und Organisationen entstandenen Denk,- Organisations- und Beziehungskulturen. Menschen müssten die Gelegenheit haben, neue Erfahrungen zu machen, die positiver und bereichernder sind als die fest im Hirn verankerten, althergebrachten Handlungsmuster. Die Initiative präsentiert zukünftig auf ihrer Online-Plattform Unternehmen, denen bereits ein messbarer Kulturwandel gelungen ist.

Mir gefällt dieser Ansatz, unsere Gesinnung zu ändern und damit einen tiefgreifenden Wandel zu erreichen. Mit den bisherigen Methoden scheinen wir in einer Sackgasse angelangt zu sein. Probieren wir neue Wege. Gerade vorbildliche Unternehmen können hier eine Vorreiterrolle übernehmen und ihren Beitrag leisten, unsere Welt besser zu machen. Fangen wir an!

Zur Initiative: www.kulturwandel.org

Immer volle Pulle

Er hatte gestern Geburtstag – Olaf Feuerstein, Chef der Hotel-Freizeit-In-Firmengruppe, ist in meinen Augen ein „Verrückter“ im positiven Sinne. Zu ihm kam man auch mit ausgefallenen Ideen kommen. Das Wort „unmöglich“ scheint in seinem Wortschatz nicht zu existieren. Außerdem gefällt mir, dass der ehemals schlechte Schüler heute ein Selfmade-Unternehmer ist, dem nichts in den Schoß gelegt wurde. Einer der sprichwörtlich den Weg vom Tellerwäscher zum (Umsatz-)Millionär zurückgelegt hat. Für einen Beitrag im faktor („Bis zum letzten Tag volle Pulle!“) im Dezember 2008 hatte ich die Ehre, Teile dieser spannenden Biografie kennenzulernen, die ich hier auszugsweise wiedergebe.

Dass Olaf Feuerstein in Göttingen gelandet ist, ist seiner Kaltschnäuzigkeit zu verdanken. Der junge Hotelbetriebswirt liest im Sommer 1993 eine Stellenausschreibung des Freizeit In und ruft dort an, um zu fragen, wie er seine Bewerbungsunterlagen einreichen soll. Er telefoniert mit Gerhard Löb, dem damaligen Chef des Hotels Freizeit In, und sagt ihm, dass er in zwei Tagen sowieso in Göttingen sei. Für ein Gespräch stünde er nur an diesem Tag zur Verfügung, Löb akzeptiert. Zwei Tage später reicht Feuerstein die Bewerbung ein und hat noch am gleichen Tag ein Vorstellungsgespräch mit dem Chef. Kurios dabei: „Ich hatte mich als Letzter beworben und durfte mich als Erster vorstellen.“ Die Chemie zwischen den beiden stimmt, es folgen weitere Gespräche. Löb ruft nun eines Morgens bei Feuerstein an und sagt: „Sie können den Job haben!“ Der Wunschkandidat reagiert anders als erwartet. Statt in Begeisterung auszubrechen, antwortet er: „Rufen Sie mich heute Abend an, wenn es wichtig ist.“ Was war passiert?

Olaf Feuerstein hatte die ganze Nacht durchgearbeitet und war erst kurz vor dem Anruf ins Bett gegangen. Als ihn Löb anrief, befand er sich noch im Halbschlaf. Der Göttinger Hotelier lässt sich davon nicht abschrecken, die beiden werden sich einig. Glatt läuft es trotzdem nicht. Wieder ruft Löb an und fragt, wann er denn den Vertrag unterschrieben zurücksende. Er befürchtet, Feuerstein könnte es sich anders überlegt haben. Der will den Job, hat es aber nur vergessen.

Er hat alle Hände voll zu tun, will noch den alten Job zu Ende bringen. „Ich gebe bis zum letzten Tag volle Pulle“, erzählt er heute. Am 1.Oktober 1993 beginnt Olaf Feuerstein als Wirtschaftsdirektor im Hotel Freizeit In, 1995 wird er Hoteldirektor und zwei Jahre später geschäftsführender Gesellschafter – eine Bilderbuchkarriere. 2007 übernimmt er von Gerhard Löb die Mehrheit der Geschäftsanteile und ist nun Mehrheitsgesellschafter.

Dieser Karriereweg wurde ihm nicht in die Wiege gelegt – im Gegenteil: „Ich war ein fauler Hauptschüler“, erzählt er. Von Scham keine Spur. Offen und ehrlich geht er damit um, so wie man es von ihm gewohnt ist. „Ich habe es mir abgewöhnt, um den heißen Brei zu reden.“ Vom späteren Unternehmer Feuerstein, der das Freizeit In zu einem der Top-Tagungshotels in Deutschland macht, ist als Schüler in Cuxhaven noch nichts zu ahnen. Obwohl: „Ich hatte das ökonomische Prinzip verstanden, ohne es zu kennen“, sagt er augenzwinkernd. Er hätte es geschafft, mit möglichst wenig Aufwand, das Maximale herauszuholen. Die Basis ist also vorhanden, der Weg zum Erfolg allerdings holprig. Im Alter von neun Jahren kümmert er sich nach der Scheidung der Eltern viel um seine zwei Geschwister: „Da blieb einiges auf der Strecke“, erzählt er heute von dieser entbehrungsreichen Zeit.

Als Kind will Olaf Feuerstein Polizeikommissar werden; sein Klassenlehrer in der achten Klasse lacht ihn dafür aus. Der ahnt wohl, dass das Leben für ihn einen anderen Weg vorgesehen hat. Die Richtung ändert sich. Der schlechte Schüler belegt freiwillig ein Wahlpflichtfach und entdeckt seine „Liebe“: das Kochen. Nun sorgt er dafür, dass zu Hause etwas zum Essen auf dem Tisch steht. Und noch heute pflegt Feuerstein sein Hobby und zaubert für Familie und Freunde. „Man sagt mir nach, dass ich gut kochen kann“, erzählt er selbstbewusst, ohne zu kokettieren. Da er für die Ausbildung zum Koch mit seinen 15 Jahren noch zu jung ist, absolviert er erst mal ein Praktikum in der Spülküche. Zwei Sommer lang arbeitet Feuerstein schließlich als Tellerwäscher für fünf DM die Stunde – viel Geld damals. „Ich war der ,king in town‘“, erinnert er sich zurück. Auf der Hauswirtschaftsschule macht er seinen Realschulabschluss, und zwei Jahre später beginnt er – endlich – eine Ausbildung zum Koch. Er verkürzt die Ausbildungszeit auf zwei Jahre.

Schon in dieser Phase entdeckt Feuerstein einen „kleinen Tropfen Unternehmerblut“ in sich. Zunächst arbeitet er als Beifahrer eines Brötchenservices. Als der Inhaber in Rente geht, fragt Feuerstein ihn, ob er den Laden haben kann. Da er mit seinen 17 Jahren noch die Erlaubnis der Mutter für die Gewerbeanmeldung braucht, bequatscht er sie zwei Wochen lang, um ihr schließlich eine Unterschrift „abzuluchsen“. „Ich bin hartnäckig wie ein Terrier“, sagt er heute von sich selbst. Man könne alles zum Ziel führen, ist er überzeugt. Eine Eigenschaft, die ihn ganz nach vorn gebracht hat. Zum Start seiner Unternehmertätigkeit hat er sieben Mitarbeiter, darunter er selbst und seine zwei Geschwister. In den Höchstzeiten habe er 4.500 Brötchen verkauft – am Tag. Dafür arbeitet er hart, insgesamt 14 Stunden am Stück. Nach einer Weile verkauft er das Unternehmen für „’n Appel und ’n Ei“. Nach einem Fehlversuch studiert er an einer Hotelfachschule bei Hannover. „Das war eine sensationelle Zeit“, sagt er lachend. Diese bezeichnet er als Wendepunkt in seinem Leben. „Ich wurde ein Streber“, erzählt er, „dafür war ich vorher nicht bekannt.“ Er legt ein paar Schippen drauf.

„Ich war plötzlich heiß aufs Lernen.“ Als er dann noch Französisch und Spanisch belegt, halten ihn die Kommilitonen für verrückt. Das stört ihn nicht. Das sollte auch nicht das letzte Mal sein, dass er das über sich hört. Ein Unternehmensberater sagt ihm Jahre später mal: „Sie sind doch nicht ganz normal.“ Feuerstein gibt ihm Recht: „Ich bin ein Verrückter!“

„Ich bin ein unruhiger Geist“, sagt Olaf Feuerstein von sich selbst. Manchmal springt er zu Hause vom Sofa auf, erzählt er, und seine Frau denkt dann, dass er Schokolade holt. Stattdessen hatte er wieder nur eine Idee und wollte sie aufschreiben. Wenn Feuerstein das unbändige Gefühl hat, etwas Gutes zu verpassen, dann macht er es. Er ist begeisterungsfähig. Wer je mit ihm zusammengearbeitet hat, kann das bestätigen. Packt ihn eine Idee, geht er schnell an die Umsetzung wie beim WM-Quartier, als er es mit anderen „Verrückten“ schafft, die mexikanische Nationalmannschaft nach Göttingen zu holen. „Wir erfinden uns permanent neu“, nennt er das Credo seines Hauses. „Ich habe nie Langeweile“, sagt er schließlich – und man glaubt es ihm.

Auf der Liste der Dinge, die er noch erledigen will in seinem Leben, stehen zwei Punkte: Er träumt davon, ein Management-Buch zu schreiben. Und er, der sich selbst als „kleines Laufwunder“ bezeichnet, will am New-York-Marathon teilnehmen. Wer ihn kennt, weiß, dass er auf diese Ziele wie ein „Terrier“ hinarbeiten wird, der sich auch von Rückschlägen wie der Pleite mit dem Gourmet-Restaurant „planea“ nicht abbringen lässt. Man wird noch viel von dem einst faulen Hauptschüler hören – mit voller Pulle bis zum Ende.

Mit Liebe zum Geschäft

Gestern bin ich mal wieder am Feinkostladen Viani Alimentari in der Göttinger Innenstadt vorbei gegangen und erinnerte mich an einen Artikel, den ich im Vorjahr über den Seniorchef, Antonio Viani, geschrieben habe. Der mittlerweile 75-Jährige ist sein Leben lang Unternehmer mit Herzblut gewesen – mit einer faszinierenden Geschichte. Hier erzähle ich das Wichtigste aus diesem Beitrag („Richtiger Riecher“). Die Voraussetzungen für Antonio Viani waren eher schlecht, um Unternehmer zu werden. Sein Vater muss den Lebensmittelhandel, der im 18 Jahrhundert von den Vorfahren begründet wurde,  nach dem Zweiten Weltkrieg aufgeben. Aus Scham verlässt er die Familie – und um sich den Gläubigern zu entziehen. Er wird erst Jahre später zurückkommen. Seine Frau bringt sich und die vier Kinder mit einer Strickmaschine durch, im Sommer zieht die Familie in den Schuppen, um deutschen Touristen in ihrer Wohnung eine Herberge zu bieten. Antonio trägt zum Einkommen als Koch, Kellner, Bademeister und Kinderbetreuer der Gäste bei.

„Und als dann eine Familie aus Göttingen kam – zwei Töchter, wunderschön –, da hat’s bei mir geknallt!“ Bevor er aber seiner großen Liebe Ingrid nach Deutschland folgt, bereist er, der schon als Kind die Schiffe am Horizont beobachtet hat, als Seemann die Weltmeere und wird Offizier bei der Handelsmarine. In fast jedem Hafen erhält der Verliebte einen Stapel Briefe aus Göttingen, bis er an Land Wurzeln schlägt. Das Erste, was er in Göttingen vor über 50 Jahren verkauft, sind Olivetti-Büromaschinen, deren Vertretung er gerade übernommen hat, nachdem sein Verkaufstalent schon kurz zuvor bei seiner Ausbildung als Büromaschinenverkäufer in Hannover aufgefallen ist. Das Geschäft wächst schnell.

Als Antonio Viani einen Computer einrichtet bei einer Fleischerei, wird er zu Hilfe gerufen. Ein Italiener steht im Laden, und Antonio soll übersetzen. „Der Mann hatte sich aus der weltweit führenden Handelsgesellschaft für Sommertrüffel ausgegründet und wollte dem Kunden eine Tonne Trüffel verkaufen. Ich machte ihm klar, dass wir das Geschäft gemeinsam machen würden!“ 1973 gründet er die „A. Viani Importe“ und darf exklusiv Trüffel in Deutschland vertreiben. Nach und nach erweitert er das Sortiment, um vorwiegend italienische Spezialitäten wie Würste und Schinken, Öle und Essige, Käse und Wein. So reist Antonio Viani immer wieder in die alte Heimat und lernt Produkte und Produzenten kennen.

„Wir haben uns zunächst auf die gehobene Gastronomie konzentriert“, erläutert er das Geschäftsmodell. „Dann kamen immer mehr kleine, feine Spezialgeschäfte für Feinkost dazu.“ Besonderes Qualitätsmerkmal der Viani-Lebensmittel ist bis heute, dass sie handwerklich hergestellt werden, also nicht aus industrieller Massenproduktion stammen.

Mitte 1987 bekommt Antonio Viani das Angebot, seine Büromaschinen-Firma zu verkaufen. Seine Frau, die auch im Unternehmen an seiner Seite steht, fragt ihn: „Bist du verrückt? Der Betrieb läuft doch so gut!“ Darauf antwortet er: „Willst du verkaufen, wenn es schlecht läuft?“ Also macht er das Geschäft und konzentriert sich fortan nur noch auf den Handel mit den Spezialitäten aus der Heimat.

Seinen in Deutschland geborenen Söhnen Stefano und Remo steckt wohl auch das Unternehmertum „im Blut“, beide zeigen zunächst aber kein Interesse am Lebensmittelhandel. Die Brüder gründen zusammen eine bis heute erfolgreiche Werbeagentur in Göttingen. Aber Antonio Viani wartet auf seine Chance. 1995 schließlich übernimmt Sohn Remo das operative Geschäft, erweitert das Angebot um Spezialitäten aus anderen Mittelmeerländern und verdoppelt so – zum Stolz des Vaters – recht schnell den Umsatz. Der erfahrene Unternehmer lässt seinem Sohn fortan freie Hand und widmet sich weiterhin dem Trüffel-Handel und ordnet die Finanzen. Und geht neue Wege: So schenkt er seinen Mitarbeitern „Aktien“. Zehn Prozent des Firmenwertes befindet sich in der Hand der Belegschaft und motiviert die über 50 Beschäftigten zusätzlich.

Auch heute schaut Antonio Viani – zum Missfallen seiner Frau – noch gelegentlich in „seiner“ Firma nach den Geschäften. Und die Geschäfte laufen: Mittlerweile gibt es bei Viani Importe über 2.000 Artikel von mehr als 200 handverlesenen Lieferanten, die an rund 2.500 Kunden geliefert werden.

Mich fasziniert die Geschichte dieses Mannes, der zudem auch noch als Unternehmer Vorbild für seine Söhne wurde. Danke, Antonio Viani!

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